„Was guckst du?“ –Zur Umkehrung von Blickrichtungen
Kurz nach der Wende ging das dann los. Genau. Und das habe ich natürlich auch mitbekommen, zum einen übers Fernsehen. Und ich hab' mich immer gewundert, damals. Weil die Leute gesagt haben ‚Oh Gott, oh Gott, Rassismus, das haben wir ja in dieser Form – Wir sind total erstaunt und können das gar nicht verstehen, dass es diese Teile der Bevölkerung gibt.‘“
Moritz im Interview mit dem WueRD-ProjektTorch in der Talkshow "Arabella" im Gespräch mit Arabella Kiesbauer, ca. 1996
Arabella: Woran glaubst du kann das denn liegen, dass einfach diese Art von Rassismus immer noch so ausgeprägt ist?
Torch: Ich bin halt der Meinung, fest der Meinung, das gehört einfach zur Kultur dazu. Dass man in Deutschland […], in Europa, dass die Kultur darauf basiert, sich selbst auch hochzuheben, in dem man halt andere runtermacht oder. Und da so ein Bild, ein Weltbild herzustellen."
Genau das war ja auch die Zeit der Internetcafés usw. […] Irgendwann mal konnten wir uns leisten, irgendwie in der WG einen Internetzugang zu machen, zum Beispiel. Aber solche Sachen und das war ganz wichtig! Also Zugang zu Informationen und zu Wissen zu erhalten, das war auch die Zeit, wo ich beispielsweise dann auch irgendwie Wissen mehr aneignen konnte.“
Meral im Interview mit dem WueRD-Projekt„TEXTE ZUR LAGE
Was guckst du?
KANAK TV
Anleitung für einen medialen Antirassismus
Du kannst es nicht mehr sehen, wie beim Thema Zuwanderung deutsche JournalistInnen ihre Kameras schwenken. Wie sie mit der Linse über ein x-beliebiges Straßenbild schweifen und fast immer beim selben Motiv auf den Auslöser drücken: der kopftuchbedeckten Frau. Sie suggerieren: Das sind die archaischen Fremden. Die sie sich niemals von vorne zu filmen trauen. Wir lassen den Blick nicht auf uns richten. Wir richten den Blick.
Wenn du Kanak TV abgreifst, hast du es satt, im Guten wie im Bösen zum Fremden gestempelt zu werden. Wir entwerfen die längst überfälligen Gegenbilder.
Setzt Kanak TV überall ein. Kanak TV ist alltagserprobt. Dort, wo versucht wird, rassistische Hierarchien zu normalisieren. Auf dem Multi-Kulti-Fest genauso wie auf der Straße, auf einem Empfang, an den Grenzen oder sonst wo. Kanak TV und bricht in die No- Go-Zonen ein.
Kanak TV macht Spaß und ist nicht an Spezialwissen gebunden. Kanakas und Kanakos nehmen die Kameras selbst in die Hand.
Kanak TV weist jeden Versuch zurück, sich anglotzen, vermessen, in Kategorien pressen oder konsumieren zu lassen. Kanak TV geht nicht nur auf gleiche Augenhöhe, sondern höher, schneller und weiter.
Kanak TV ist keine Comedy. Kanak TV bringt dich wirklich zum Lachen.
Kanak TV ist Almanya-Blair-Witch-Projekt, nur dass man hier zum Fürchten das Licht andreht.
Kanak TV behandelt keine Themen, sondern benutzt sie. "Hey, Alemanno, wieso bleiben eure Frauen zu Hause, wenn ihr euch besauft. Kannst du bitte noch mal antworten, und schau in die Kamera." Kanak TV hat sich verliebt in die Autorität von Kamera und Mikrofon.
Kanak TV stellt die Fragen und behält dabei das Heft in der Hand. Kanak TV antwortet nicht, solange die rassistischen Hierarchien in Kommunikation und Medien nicht abgeschafft sind.
Kanak TV dreht die Fragen um, die dir schon längst zum Hals heraus hängen, richtet die Fragen an diejenigen, die sie sonst stellen: "Wo kommt ihr her? Wann geht ihr wieder zurück. Warum schottet ihr euch hier so ab, in eurem weißen Ghetto?"
Kanak TV entlarvt nicht nur den medialen Blick als Macht. Kanak TV setzt den Macht-Blick ein, um jegliche Machtbeziehungen zurückzuweisen. Kanak TV ist Selbstermächtigung.
Kanak TV ist geil!"
“Kanak TV – Migrantische Selbstermächtigung oder Warum Kanak TV politisch ist
Kanak TV agiert dort, wo rassistische Hierarchien zur Norm erklärt werden. Wir weisen jeden Versuch
entschieden zurück, Migranten anzuglotzen, zu vermessen und in Kategorien zu pressen. Statt dessen
richten
wir den Blick auf Alemannen, die es für selbstverständlich halten, andere zu prüfen, zu fragen, und in
ihrem
Blick zu verkleinern.
Als wachsamer Begleiter des Alltags verstört Kanak TV gewohnte Sichtweisen und liebgewonnene
Rezeptionsmuster. Kanak TV verbreitet Unbehagen unter den Selbstgerechten. Bei Kanak TV gibt es weder
ein
befreiendes Lachen noch ein solidarisches Mitgefühl. Trotz allem bringt Kanak TV Menschen zum Lachen.
Und je
deutscher und selbstgefälliger das Publikum, desto tiefer bleibt ihnen das Lachen im Halse
stecken.
Wir, Kanaken, produzieren die längst überfälligen Gegenbilder zu den ewig gleichbleibenden Bildern von
Migranten. Wir konterkarieren die Bilder von den kriminellen Ghetto-Kanaken, schwitzenden Döner-Kanaken
oder
stummen Kanakinnen mit Kopftuch, die symbolisch für Rückständigkeit und Unterdrückung stehen.
Kanak TV ist die Umkehrung des rassistischen Blicks. Aber wir wollen nicht nur den rassistischen Blick
und
die festgelegten Bilder im Kopf zu Tage bringen. Unser Fokus richtet sich auch darauf, wie Bilder
gemacht,
manipuliert und eingesetzt werden. Kanak TV entlarvt den medialen Blick als Macht, indem es sich dieses
Macht-Blickes bedient. So soll das Machtverhältnis in Frage gestellt, zurückgewiesen und ihm
entgegengewirkt werden.
Wir zitieren und entblößen den Rassismus als soziales Verhältnis, als ein Konstrukt, das bestimmte
gesellschaftliche Hierarchien herstellt und perpetuiert und dabei bestimmte Gruppen von Menschen
marginalisiert und sie in dieser Position hält. Hier ist unser Interventionsfeld. Aus der stumm und
gesichtslos gemachten Masse tauchen plötzlich handlungsfähige und handelnde Subjekte auf.
Wir lassen den Blick nicht länger auf uns richten – wir richten den Blick. Kanak TV ist migrantische
Selbstermächtigung“