Sichere Räume in unsicheren Verhältnissen

Ich wusste auch durch Gespräche und Verbindungen, meine Mutter ist mit einem Kubaner verheiratet gewesen, der auch immer wieder von rassistischen Beleidigungen, Übergriffen erzählt hat. In den Wohnheimen. Über die Wohnheime und über Querverbindungen, der Mann meiner Mutter war Musiker, er kannte dann viele andere Musiker auch. Und es waren natürlich dann auch Leute aus anderen Ländern, die sich dann zu Musikgruppen zusammengeschlossen haben. In einer Band war dann einer aus Angola, einer aus Brasilien, einer aus, ne. Ganz, ganz verschiedene, ganz verschiedene. Und darüber, über diese Leute hat man dann viel erfahren, was da los war, in denen, in den Heimen, wie die Vietnamesen gejagt wurden, wie Mosambikaner gejagt wurden, wie gerade auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen tatsächlich wirklich Jagd auf diese, auf diese Leute gemacht wurde, ja.“

Moritz im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Die Zimmer waren zweckmäßig möbliert. Jeder Vertragsarbeiter*in bekam ein Bett, einen Nachttisch, einen Stuhl, einen Schrank, einen Satz Geschirr, Besteck, Handtücher und Bettwäsche. Im Zimmer gab es zudem einen Tisch, der gemeinsam genutzt werden musste. Toiletten, Dusche und Küche waren in der Regel für eine Wohnung oder eine Etage gemeinsam zu nutzen. Die Vertragsarbeiter*innen lebten jahrelang ununterbrochen ohne Privatsphäre.“

Ehemaliges Wohnheim für Vetragsarbeiter*innen in der Gehrenseestraße in Berlin

Grundriss des ehemaligen Wohnheims in der Gehrenseestraße in Berlin

„Am 10. August 1975 jagten bis zu 300 DDR-Bürger*innen algerische Vertragsarbeiter durch die Erfurter Innenstadt und verletzten einige schwer. 50 Jahre später erinnerten Betroffene und Erfurter*innen an die Ereignisse. In der Öffentlichkeit spielt die Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt in der DDR weiterhin kaum eine Rolle.“

Vera Ohlendorf 2025,

„Aus etwa 2.000 unveröffentlichten Archivmaterialien belege ich insgesamt über 8.600 neonazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten, wobei der Anteil antisemitischer Angriffe bei ca. 900 liegt und ca. 145 Vorfälle betreffen Schändungen jüdischer Friedhöfe und Gräber. Es gab über 700 rassistische Angriffe mit mindestens 12 Toten und tausenden verletzten Kinder, Frauen und Männer aus über 30 Ländern. Afrikaner, Muslime, Kubaner, Asiaten und Europäer wurden so Opfer rassistischer Angriffe und mit den meisten Herkunftsländern hatte die DDR offiziell, unter dem Gesichtspunkt eines ‚proletarischen Internationalismus‘, hervorgehobene politische Beziehungen.“

Harry Waibel 2016,
BILD
Zweibettzimmer im Arbeiterwohnheim an der Leninallee Ecke Ho Chi Minh Straße in Berlin, DDR Bildarchiv [BILD NOCH NICHT VERFÜGBAR]

„Hamdane Abboud rennt. Anderthalb Kilometer sind es vom Domplatz zum Hauptbahnhof, und am Bahnhof ist ein Café. Das kennt er, dort rennt er hin. 20 Minuten braucht man für die Strecke, wenn man langsam läuft. Damals verschwimmen ihm Zeit und Umgebung. An eines erinnert er sich sicher: wie er verfolgt wird von immer wieder anderen Männern.“

Daniel Schulz, Anne Fromm und Jan Daniel Schubert über Gespräche mit in Erfurt angegriffenen Personen 50 Jahre nach der Tat in der taz 2025
Erfurt aus der Luft, 15. August 1975

Erfurt aus der Luft, 15. August 1975.
1) Richtung Wohnheim
2) Domplatz
3) Fischmarkt
4) Anger/Post
5) Richtung Bahnhof

Foto: ddr bildarchiv/akg-images

„Sogenannte Vertragsarbeiter*innen wurden von der Mehrheitsgesellschaft isoliert und eingeteilt nach Herkunftsländern und Geschlechtern in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Mein Vater und viele der früheren kubanischen Vertragsarbeitenden berichteten mir häufig von ihrem Leben, ihrer Freizeit, ihrer Arbeit und ihrem Wohnen in der DDR. Ich war nicht selten schockiert darüber, wie stark diese Lebensbereiche reglementiert und kontrolliert wurden. Besuche in den Wohnheimen wurden zeitlich eingeschränkt und detailgenau dokumentiert.“

Lydia Lierke, Jessica Massochua und Cynthia Zimmermann 2020 in ihrem Text „Ossis of Color. Vom Erzählen (p)ost-migrantischer Geschichten" aus dem Buch „Erinnern stören – Der Mauerfall aus migrantischer und jüdischer Perspektive", erschienen im Verbrecher Verlag

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