Gewalt-Wissen

Und, da sind Kinder verbrannt. Also ich habe so eine Ohnmacht empfunden, wie ich die vorher nicht so empfunden habe in Deutschland. Weil ich hatte ja immer das Gefühl, ‚Okay, es gibt den Rassismus.‘ Aber, irgendwo hatte ich ja schon das Gefühl, dass es einigermaßen sicher ist. Dass ich in einem Land lebe, das einigermaßen mir meine Sicherheit gewährleistet. Und nach dem Anschlag in Solingen, wir haben oben gewohnt, haben die unten und oben Feuerlöscher installiert. Und wir wussten genau, warum sie diese Feuerlöscher installiert haben. Das heißt, da wurde uns auch vor Augen geführt. Dieser Rassismus. Ne? Und dass dieser Rassismus tötet. Uns hätte es auch treffen können. Dass jemand unten, auch ein Brandsatz hätte reinschmeißen können. Die andere Familie hätte vielleicht aus den Fenstern rausspringen können, aber wir oben im ersten Stockwerk. Das wäre ein bisschen schwieriger gewesen. Und da war mir klar: Es ist einfach ein Zustand, der unerträglich ist.“

Bassam im Interview mit dem WueRD-Projekt

„Viele migrantische Familien, auch meine Eltern, besorgten sich eine Strickleiter und übten mit ihren Kindern und Verwandten den Abstieg nach draußen.“

Birgül Demirtaş im Sammelband „Solingen, 30 Jahre nach dem Brandanschlag. Rassismus, extrem rechte Gewalt und die Narben einer vernachlässigten Aufarbeitung" 2023,
Screenshot der IDA-NRW Website

„Das Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in NRW – kurz IDA-NRW – beschäftigt sich seit 1994 mit den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, Migration, Diversität und Empowerment. Aus unserem Selbstverständnis heraus wollen wir einen konstruktiven Beitrag zum Abbau von Rassismus und Rechtsextremismus leisten und Einrichtungen der Jugendhilfe / Jugendarbeit bei der Entwicklung einer der Migrationsgesellschaft adäquaten Pädagogik beratend zur Seite stehen.“

„Aber je älter ich wurde, desto deutlicher nahm ich wahr, wie besorgt meine Eltern klangen, wenn sie am Abend im Wohnzimmer miteinander sprachen. Besonders, wenn sie davon erfuhren, wie sich die Angst bei anderen migrantischen Familien festsetzte. Viele fürchteten sich vor Übergriffen und Anschlägen. Plötzlich wurden sogar Strickleitern beworben, die sich an Heizkörpern festmachen und aus dem Fenster hängen ließen, damit man im Brandfall fliehen konnte. Natürlich nicht in deutschen Zeitungen, aber in türkischen. 2,50 Meter für 17 Mark, 3 Meter für 23 Mark, 3,50 Meter für 30-Mark - je nachdem, wie hoch du wohntest. Wenige Wochen nach dem rassistischen Brandanschlag von Solingen im Mai 1993, bei dem fünf Menschen starben, gab es in türkischen Printmedien und im Fernsehen auf einmal Werbeanzeigen für Rauchmelder. Die Menschen wurden allein gelassen und mussten sich selbst helfen. Wie kann ein Land zulassen, dass sich eine Minderheit um Fluchtwege Gedanken machen muss, obwohl doch die Polizei für ihre Sicherheit verantwortlich ist? Und unser Staat dafür, solche Verbrechen im Vorfeld zu verhindern? So etwas hatte es bislang nicht gegeben.“

Çetin Gültekin im Buch „Geboren, aufgewachsen und ermordet in Deutschland. Das zu kurze Leben meines Bruders Gökhan Gültekin und der Anschlag von Hanau" 2024,
BILD
Werbung für den Verkauf von Strickleitern, Archiv DOMiD – Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland [BILD NOCH NICHT VERFÜGBAR]

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